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Erfahrungen

Wenn es nicht nach dem Willen geht…

…und es (im Nachhinein) trotzdem Sinn macht 🙃

Das plötzliche (Thriller-würdige) Ende meiner lang geplanten und ersehnten Wunsch/Traum-Motorradtour ums Mittelmeer.

Auf der leicht abschüssigen noch feuchten Küstenstraße (5) im Golf von Patras (Griechenland) rutscht plötzlich das Hinterrad des vor mir fahrenden Motorrades kurz weg (Ralf und Kerstin, die ich auf dem letzten Campingplatz kennengelernt habe). Obwohl ich ca. 50 m Abstand bei nur ca. 60 km/h habe, ziehe ich reflexmäßig mit 2 Fingern ganz leicht am Bremshebel – sofort rutscht mein Vorderrad weg und ich rutsche fast widerstandslos auf der Straße sitzend neben meinem „Caribu“ her!
Da die Straße eine ganz leichte Linksbiegung macht, kommen Motorrad und ich der Leitplanke immer näher und um nicht mit dem Körper in einen der vielen scharfkantigen Leitplanken-Pfosten zu krachen, habe ich sogar noch die Zeit mit meinem rechten Fuß einen der nächsten Pfosten zum Abfangen auszusuchen. Ein stechender Schmerz im Mittelfuß und gleich darauf ein metallisches Krachen vom Caribu, das einen Pfosten später eingeschlagen ist.
Scheiß Leitplanke schreie ich und als ich den Fuß belasten möchte wird aus dem zornigen ein schmerzvoller Aufschrei.
Ich hüpfe auf einem Bein zum Caribu und sehe das durchtrennte Tauchrohr der Vorderrad-Gabel. Jetzt wo mir bewusst wird, dass dies hier (nach knapp 3 Wochen und gut 5000 km – nicht mal ein Viertel der geplanten Tour!) wohl schon das Ende meines Mittelmeer-Umrundung-Traumes ist, mache ich auf einem Bein hüpfend noch ein letztes Foto.
Ralf muss es im Rückspiegel gesehen haben, denn er hat mit Kerstin sofort umgedreht und erklärt mir nun, dass er gar nichts machen musste, da das Wegrutschen seines Hinterrades nur ganz kurz war und die Straße sofort wieder Gripp hatte.
Also muss ich genau am Anfang des unverständlich rutschigen aber nicht ersichtlichen Stückes zu schnell und unnötig reagiert haben.
Als ich nun sehe, dass es 20 Meter weiter direkt hinter der Leitplanke senkrecht sehr tief zum Meer abfällt, nehme ich meine Beschimpfungen auf die Leitplanke zurück!

UND JETZT BEGINT DER EIGENTLICHE THRILLER !!!
Nachdem immer mehr Menschen dazukommen, steht plötzlich auch die Polizei da und redet wie wild (in für uns 3 natürlich unverständlichem griechisch) auf mich ein. Dann wird das ein altes Auto auf der Gegenfahrbahn angehalten und unter meinen Protesten werde ich zum hilflosen älteren Fahrer in die klapprige Kiste gedrängt. Dass es in unserer Reiserichtung doch nur 20 km bis Patras (der nächsten großen Stadt) sind, scheint nicht zu interessieren. Ralf schiebt mir gerade noch den vorher gefüllten Müllsack mit meinen nötigsten Utensilien und Helm hinterher und meint sie würden sich ums Motorrad kümmern.
Nach abenteuerlichen knapp 30 km Fahrt – bei der ich vor Todesangst für kurze Momente sogar die fürchterlichen Schmerzen im rechten Mittelfuß vergesse – setzt mich der wahrscheinlich angetrunkene Fahrer in seiner fast bremsenlosen Klapperkiste mit Lenkproblemen in einem kleinen Hospital in Missolonghi ab.
Während ich lange Zeit alleine auf einer Pritsche in einer Art Abstellkammer liege, greift plötzlich jemand nach meinem neben mir stehenden Müllsack – im letzten Moment kann ich ihn gerade noch an mich reißen und fest umklammern während kleine Hände nach meiner Jacke greifen die ich auch noch rechtzeitig retten kann! Es ist eine Zigeunerin mit ihren Kindern! Ich schreie wie wahnsinnig vor Wut und Schrecken, so dass sie schnell die Kammer verlassen und mit den herbeieilenden Schwestern endlich auch meine lange schmerzvolle Wartezeit beendet ist.
Draußen ist es schon dunkel und es scheint nur noch ein „Weißkittel“ (mit nur sehr dürftigen Englisch-Kenntnissen) zu „arbeiten“.
Nachdem ich ihm deutlich meine Schmerzen im Mittelfuß klargemacht habe, röntgt er nur mein Sprunggelenk?! Mein verzweifeltes Erklären der Verletzung im Mittelfuß tut er nur hochnäsig ab.
Die Röntgenbilder zeigen zu seiner Erleichterung natürlich keine sichtbare Verletzung und er gibt mir ein paar Spritzen – die meine großen Schmerzen aber leider nur kurzzeitig und mäßig lindern!?
Nach einer weiteren längeren Wartezeit werde ich mit Müllsack und Röntgenbildern in einen Krankenwagen gelegt, der mich die 50 km durch die Nacht und mit der kurzen Fähre nach Patras in ein richtiges Krankenhaus bringt.
Hier werde ich total erschöpft sofort nochmals, nun von einem einigermaßen Englisch sprechenden Arzt, untersucht der auch auf meinen Schmerz-Hinweis eingeht und den Mittelfuß röntgt.
4 Mittelfußknochen sind durchschlagen, genau so wie ich mich mit dem Fuß am Leitplankenpfosten abgefangen habe – durch die stabile Motorradstiefelsohle! Er meint kopfschüttelnd die „gesunden Röntgenbilder“ des Hospitals betrachtend: „Bungler“ (Pfuscher) und er zeigt mir, dass die Bruchenden eines der gebrochenen Knochen unschön übereinander liegen. Er meint, es wäre wahrscheinlich ein Nerv dazwischen eingeklemmt, weshalb ich so starke Schmerzen hätte. Er würde mir raten, das schnellstmöglich in Deutschland machen zu lassen, da es nicht ganz unkompliziert wäre.
Welches Mittel mir denn im Hospital gespritzt worden wäre wollte er wissen, da dort niemand mehr zu erreichen wäre und vom Pfuscher schriftlich nichts festgehalten worden sei – da ich es natürlich auch nicht weiß, könne er mir nur leichte Schmerzmittel geben und hoffen, dass ich die Nacht irgendwie zum wichtigen Schlaf finde.
Leider würde im total überfüllten Krankenhaus momentan wiedermal gestreikt, weshalb er sich schon jetzt entschuldigen möchte.
Ich werde um Mitternacht in meinem klapprigen Krankenbett irgendwo auf dem total schmutzigen Flur zwischen vielen anderen Betten und regem Verkehr, der laut helfenden und zumeist rauchenden Angehörigen, deponiert. Auf meinen Beistell-Tisch wird noch ein Plastikbecher mit Wasser platziert und als ich ihn irgendwann in der fast schlaflosen Nacht vollends ausdrinken möchte, sehe ich im allerletzten Moment, dass mehrere Zigarettenkippen drin schwimmen!
Als ich dann irgendwann gegen Morgen eingenickt bin, werde ich unsanft wachgerüttelt – von 2 Polizisten die in wildem griechisch auf mich einreden und mir einen griechischen Wisch zum unterschreiben unter die Nase halten. Hier und so unterschreibe ich (vielleicht mein Todesurteil) natürlich nicht, was sie erzürnt und fast handgreiflich macht.
Jetzt fange ich (wieder) an wie panisch extrem zu schreien – was ja gestern bei der Zigeunerfamilie und den herbeieilenden Schwestern auch Wunder bewirkt hat! Die jetzt herbeieilenden Ärzte schicken zuerst mal die Polizisten weg und erklären mir, dass mir nachher eine Gipsschiene angebracht würde und ich, wenn ich das Krankenhaus damit sofort verlassen würde, auch nicht bezahlen müsse?!?
Während mir der Gips angelegt wird, kommen Ralf und Kerstin und berichten, dass mein „Caribu“ hier in Patras zwar auf dem Gehweg, aber wenigstens vor einer Polizeiwache abgestellt worden wäre und wir so hoffen könnten, dass das Motorrad dort wenigsten nicht geklaut oder die Gepäckboxen-Schlösser nicht aufgebrochen würden.
Später kommen die Polizisten wieder – mit einem in Griechenland lebenden Franzosen der ein wenig Englisch kann!!!
Als er versucht mir den griechischen Polizeiwisch holprig zu übersetzen, schüttle ich den Kopf und beginne wieder wirkungsvoll zu schreien.
Meinen natürlich auch total erschrockenen Freunden Kerstin und Ralf erkläre ich, dass es keine Panik oder Schock-Zustand ist, sondern nur mein sehr hilfreiches Not-Werkzeug.
Da sie momentan nichts weiter für mich tun können und ich ihre Reise schon genug aufgehalten habe, möchte ich mich von ihnen ganz herzlich verabschieden – auf ihre Frage, wie ich das hier alleine schaffen wolle, meine ich nur, dass sie ja gerade erleben durften wie ich mich schon recht gut zurechtfinde in diesem Schlamassel – solange meine Stimme nicht bricht 😉
Mit meinem riesigen, vollen Müllsack unterm Arm humple ich krumm auf Krücken in Richtung ungewissem (Krankenhaus)Ausgang und „leihe“ mir kurzerhand einen Rollstuhl, der in einer Ecke auf mich zu warten scheint.
So komme ich etwas komfortabler zu einer Telefonzelle in der chaotischen Eingangshalle und rufe mit meinem Euroschutzbrief den ADAC Ausland-Notdienst in München an.
Nachdem ich dem Mann meine prekäre Situation erklärt habe, meint er: „sie scheinen sich ja zu helfen zu wissen – nehmen sie ein Taxi und verhandeln einen guten Preis für die Fahrt zur Privatklinik im gut 200 km entfernten Athen. Wenn sie dort angekommen sind, können sie entspannend richtige Hilfe erwarten.“
Nach geraumer Zeit hält an der Hauptstraße im Rollstuhl hinter meinem großen Müllsack hervorgestikulierend endlich ein Taxi dessen Fahrer sogar auf den vom fitten ADAC-Mann vorgeschlagenen Preis eingeht.
Wir sind direkt vor der Privatklinik mitten in Athen als ich gute 3 Stunden später von ihm geweckt werde! Er hätte mich auch in die Hölle fahren können, so fest habe ich geschlafen – war halt doch a bisle viel Action und a bisle wenig Schlaf für Klein-Frange die letzten 24 Stunden!!!
In der modernen Klinik komme ich zu einem alten Mann in ein 2-Bett-Zimmer, mit dem ich mich noch den restlichen Tag gut unterhalte – wenn ich nicht gerade in (m)einer Telefon-Konferenz(-Premiere) mit ADAC, deutschem Arzt und meiner Rückreise-Begleitung bin.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist der liebe alte Mann für immer „heim“gegangen – was ich, mich über nichts mehr wundernd, der Schwester melde.
Die Versorgung in der Privatklinik lässt keine Wünsche offen (vielleicht ist Frange auch extra genügsam nach all dem Erlebten) nur meine geplante Rückreise scheint dem ADAC größere Sorgen zu machen, da ich ohne mein im Reisepass eingetragenes Motorrad eigentlich das Land nicht verlassen, die Operation in Deutschland aber auf die bürokratischen Wochen nicht warten kann!
Glücklicherweise liegen zwischen Motorrad- und Frank-Eintrag im Reisepass viele Seiten und wir hoffen, dass es nicht bemerkt wird, da ich den Reisepass so präpariere, dass er automatisch bei meinem Eintrag aufspringt wenn man ihn ablegt.
Meine Reisebegleitung ist eine Stuttgarterin die in Athen lebt und so durch den Nebenjob beim ADAC immer mal wieder kostenlos ihrer alten Heimat einen Besuch abstatten kann.
Sie ist auf der Fahrt durch Athen (wo es vor ein paar Tagen geschneit hat – Anfang Mai wohlbemerkt!) immer an meiner Rollstuhl-Seite (der diesmal offiziell geliehen ist). Nur am Flughafen zwischen Einchecken und Betreten des Flugzeugs sind wir natürlich getrennt, da ich via Lastenaufzug ins Flugzeug gelangen soll.
Mein Reisepass öffnet sich wie geplant bei meinem Eintrag und obwohl man den Helm in der großen Mülltüte vor mir (nicht nur beim Röntgen) deutlich sieht, schöpft man(n) keinen Verdacht – die griechische Mentalität hilft mir diesmal.
Als mich ein Flughafenangestellter in meinem Rollstuhl (unter riesigen Flügeln durch) über das riesige Rollfeld in Richtung Flugzeug schiebt, bemerke ich plötzlich einige Meter vor uns die länglichen Öffnungen eines Regenrinnengitters genau in unserer Fahrtrichtung! Ich hoffe, dass die kleinen Vorderräder des Rollstuhls nicht gerade darin verschwinden – doch es passt – und schwungvoll werde ich aus dem Rollstuhl gekippt, kann mich aber durch einen schnellen Vorwärtssprung, den großen Müllsackauf fest umklammert, auf einem Bein landend vor den gekippten Rollstuhl retten.
Mein Schieber ist todesbleich – und oben auf der Aussichts-Terrasse und hinter den Aussichtsfenstern applaudieren begeisterte Menschen.
Ich drücke ihn kurz mit einem Zwinkern und dem Müllsack zwischen uns und genieße dann meine Panorama-Fahrt auf dem offenen Lasten-Aufzug hinauf ins Flugzeug!
Der Heimflug verläuft erschreckend reibungslos, ja fast schon langweilig 😉
Im Böblinger Krankenhaus werde ich, zu meiner freudigen Überraschung, von meiner ehemaligen Klassenkameradin Beate betreut, die hier als OP-Schwester arbeitet.
Von hier aus melde ich mich bei meinen Eltern, die mir auch erst jetzt helfen könnten – und denen dadurch viel sorgen erspart blieb.

Ohne diesen Unfall und damit Abbruch meiner Reise, hätte ich wahrscheinlich nicht meinen gutbezahlten sicheren Job beim kalten Mercedes-Benz-Konzern aufgegeben, um bei der herzlichen 2-Mann-Firma Stetzler in Aidlingen mit viel Freude meine Arbeitskraft und Ideen einbringen zu können – wo man mich, seit mein „Caribu-Eigenbau“ zum Erstaunen beim TÜV eingetragen wurde, gerne anstellen wollte und ich noch mit Gips zur Probe arbeitete.
So hat am Ende alles seinen Sinn – Danke liebes „Leben…“ 😍

Das war im Sommer 1987.
7 Jahre später hat mich das Leben in meine seitherige Heimat Schwedisch-Lappland am Polarkreis geführt, wo ich 2016 plötzlich Zeichen für eine Radtour bekomme die mich ungeplant und ziellos WUNDERnvollst bis nach und durch China führt.
Das albtraumähnliche Ende dieser Tour ist mit lebensgefährlicher Krankheit, Kidnap-Versuch, Diebstahl, Sachbeschädigung, Morddrohung, Verleumdung, Kopfgeldjagd, Verschwörung, Verhaftung, Korruption, Gericht, Abschiebelager, Horror-Knast, Abschiebung… noch unglaublicher und führt schlussendlich zur Freiheit meiner Seelen-Schwester (und seit 2017 Frau) Xiao.
Auch wenn es bis heute, durch die schwedische Mentalität und die Geschehnisse in der Welt, noch immer nicht ganz ausgestanden ist – Leben weiß und kann 😍
Hier als PDF (33 MB)

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