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Erfahrungen

stetig hinauf…

…ins Hochgebirge Richtung Tibet

Der durstige Hostel-Chef lädt mich zum tradirionellen Hotpot-Essen ein und ich darf sein geliebtes „Country Roads“ bis zum Abwinken zur Gitarre singen.
Dafür bekomme ich ihn für meine frühe Abreise am nächsten Morgen fast nicht geweckt.

30 km zieht sich Lanzhou und nach weiteren gut 20 km verlässt die G109 den Gelben Fluss dem ich seit 3 Wochen und 1200 km mehr oder weniger gefolgt bin.
Nun geht es die nächsten 250 km am Huangshui-Fluss entlang 1000 Höhenmeter hinauf.
Am Ende des Tages erreiche ich nach 13 Std., 700 Höhenmetern und 250 km (davon 70 km an einem Roller und Dreirädern hängend), Xining auf 2300 m Höhe.
Nachdem ich das Bike senkrecht im Aufzug zur Dach-Maissonette des Lete-Youthhostel in die 15. Etage befördert habe, werde ich zu tollem Nachtessen bei einer Familienfeier eingeladen.
Nach guter Nacht bei der ich meinem Zimmerkollegen im Stockbett gegenüber herzlich und gedanklich erreichen darf, warte ich darauf dass der Hostel-Chef wie versprochen mich heute zur Polizeistation begleitet, um evtl. eine (als alleinreisender Biker eigentlich aussichtslose) Genehmigung für Tibet zu bekommen – aber er vergisst es.
Also werde ich es eben ohne Genehmigung versuchen – so Leben möchte, wird es klappen – evtl. auf dem illegalen Weg (vielleicht soll ich ja auch die chinesische Gefängniswelt kennenlernen).
Wir werden sehen – bis zur Grenze nach Tibet sind es noch knapp 1600 km. Vielleicht ergibt sich ja auch unterwegs etwas mit einer der vielen Reise-/Expeditionsgruppen die von hier aus starten?!
Leben… weiß genau was/wie/wann/warum es (mit Frange) macht!

Dunkle Wolken ziehen von Norden auf die Stadt zu, als ich früh morgens vom Hostel aufbreche.
Nachdem ich mich in die Unterstadt verradle und endlich wieder auf der Stadtauswärtsstraße oben bin, geht ein enormer Gewitterregen nieder und ich kann mich gerade noch am Stadtende unter ein Hotelvordach retten.
In der noblen Foyerhalle des „Neue Seidenstraße“ Hotels wärme ich mich bei Chai auf.
Als die Überflutung vorm Hotel ein paar Stunden später endlich abgelaufen ist, radle ich weiter aber darf noch mehrere Überflutungen, bis zu nassem Hintern, durch- und erfahren bevor es bei Nieselregen weiter hinauf geht.
Die letzte Überflutung inkl. Verkehrschaos im Matsch mit anschließendem Staubsturm kommt 3 Std., 60 Nieselregen-km und 400 Höhenmeter weiter oben in Huangyuan.
Hier verlässt die G109 den nun tiefbraunen, reissenden Huangshui-Fluss – mein Begleiter die letzten 250 km und 1000 Höhenmeter
„Zu-fällig“ vor dem nächsten Sturzregen und dem (mir unbewussten) 3600 m hohen Pass, nimmt mich der junge Pickupfahrer Herold (sein gewählter engl. Name) mit.
Auf der anderen Seite des Passes ist schönes, windiges Wetter und im Pickup geht es auf der 3300-er Hochebene am berühmten, heiligen Qinghai-See (mir ohne Reiseplanung natürlich unbewusst) entlang.
Zu meiner Höhen-Premiere über 3000 m kommt auch noch die Yak-Premiere.
Gemütlich im Auto ziehen links die Berge mit unzähligen Touri-Camps an der Straße vorbei und rechts der riesige See mit Touri-Yaks und -Pferden.
Herold nimmt mich mit zum Camp wo er arbeitet. Dort bekomme ich Essen im Küchenzelt sowie Schlafplatz im Stockbett über ihm, in einem der vielen Hauszelte.
Dann geht es im Pickup mit seinen Freunden auf den Berg hinterm Camp – und ich „soll“ fahren.
Auf der 4000-er Passhöhe genießen wir an einem Gebetsplatz zwischen schafen bei Sonnenuntergang das grandiose Rundpanorama über See und Yaklager – bis das nächste Gewitter da ist.
Bei der Abfahrt verstehe ich, warum die Jungs bei meiner Fahrweise so Angst hatten – man fährt hier statt am Rand des engen Serpentinensträßchens in der Mitte und hupt dafür vor jeder Kurve – zum Glück kam kein Gegenverkehr!
Nach guter Regen-Nacht und Frühstück geht ein Freund von Herold mit mir die 2 km runter bis zum See. Wie ich von meinem netten, jungen Guide erfahre, ist es für die Buddhisten ein heiliger See!? Heilig schützt (leider auch hier) vor Geldmachen nicht! Ob Souvenirs, Yak-Probesitz-Bild (auf den natürlich lethargisch-traurigen Schöpfungen) oder Pferderitt an der Leine… da gerät sogar der Löwe auf dem Qinghai-See-Monument aus der Fassung – will und kann es vielleicht (auch) nicht mehr mit ansehen!
„Not swim“ meint er, als ich mich am Ufer bis auf die Unterhose entkleide. Auf mein „why?!“ meint er „nobody do!“ – mit einem lauten Lacher stürze ich mich in die Fluten! Einer der größten Salzwasser-Seen der Erde ist hier auf 3200m Höhe erstaunlich warm, so dass ich geraume Zeit bade – zum freudigen Erstaunen einiger Einheimischer die mir vom Rand aus die Daumen hochstrecken.
Solange die Touris mit Motorboot und Jet-Ski den See und das Ufer mit Abfall und -gasen verschmutzen, schäme ich mich dem Fröhnen meiner natürlichen (Bade)Freude in dieser wunderbaren Schöpfung des Lebens überhauptgarniemalsnienicht.
„Ich glaube (wie du lieber Reinhard Mey) nicht“

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