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Erfahrungen

ein letztes Mal vor den Richter…

…da es seiner Zustimmung für meine Abschiebung benötigt

Am späten Vormittag (eigentlich war, wie schon ein paar Tage zuvor, der frühe Morgen geplant) holen uns (PaulFrank) schwerbewaffnete Polizisten für den Transfer zum Gericht im Lager ab. Als sie uns Handschellen anlegen wollen kann ich ihnen klarmachen, dass wir, wie sie ja hoffentlich wissen, nicht auf dem Weg ins Gefängnis sondern zu unserer Freiheit sind.
So geht es nun im Gefängnisbus zum 1,5 km entfernten Gangodawila-Gericht. In der Schnellgericht- „Abstellkammer“ müssen wir (PaulFrank) bestätigen, dass wir die komplette „Rechtsprechung“ unseres Falles anerkennen, da er nur so abgeschlossen werden kann! Danach frage ich den Richter, ob ich noch etwas persönliches vorbringen dürfe (zum Schrecken des Anwalts) und als dieser bejaht: „Sir, ich möchte sie fragen ob ihnen bewusst ist, dass dieser Polizist (2 Meter neben mir – der mit dem Prügel auf Pauls Kopf…) sie mehrmals belogen hat – das letzte Mal als sie ihn bei der letzten Verhandlung am 5. Dezember fragten ob meine Freundin noch im Lager sei.“ Ich verstehe natürlich nicht was der Richter mit dem Polizisten spricht , aber er scheint ihn wirklich damit zu konfrontieren, weil dieser sich kleinlaut zu verteidigen scheint – und als der Richter sich wieder mir zuwendet setze ich fort: „Sir, ich sage ihnen dies nicht weil ich ihn wegen der dreisten Gefühllosigkeit seinen Mitmenschen gegenüber verurteile – sein Hass ist schon Selbstzerstörend genug – ich sage es ihnen, da ich während dieses Albtraumes, den meine Freundin und ich in den letzten dreieinhalb Monaten in ihrem einzigartig schönen, kleinen Land erleben mussten, immer wieder mal auch herzlich mitfühlende Menschen treffen durfte, die versuchten gerecht und fair zu sein – die aber durch unehrliche Menschen denen sie vertrauten, sei es gewollt oder ungewollt, leider ein Werkzeug der Korruption und damit natürlich auch selbst unglaubwürdig wurden! So kann man sicher schwerlich einen weiteren materiellen und geistigen Verfall aufhalten. Da sie auch ein herzlicher und mitfühlender Mensch sind, wünsche ich ihnen, dass sie kein solches Werkzeug zu sein brauchen.“
Der Polizist versteht es natürlich nicht – denn es ist auch wieder kein Dolmetscher da! Er würde es sowieso nicht verstehen, da Hass und Angst ja bekanntlich blind machen – Augen und Verstand – blind für das Gute und für Not!
Unser Anwalt ist Fassungslos wegen meiner Worte – denn so dreist-korrupt und geldgierig man hier auch ist, die Angst vor der (ehemals) gewaltig-korrupten Polizei und Justiz ist immer noch übermächtig. Doch der Richter hat mich wohl verstanden/gespürt – er lässt uns (Paul/Frank) gehen.
Er scheint wohl nicht, im Gegensatz zu vielen anderen Sri-Lankesen, einen „arroganten und geilen (weil ein junges Mädchen verführenden) Ketzer“ in mir sehen zu wollen/müssen!Nachdem ich mich vom Richter per Handschlag dankend verabschiede (hätte ihn gerne umarmt aber er ist, vielleicht zum Glück nicht aufgestanden) und der Anwalt (immer noch geschockt wegen meiner für ihn Dummdreistigkeit) verächtlich meint er würde in den nächsten Tagen wegen der Bezahlung im Lager vorbeischauen, geht es, mit der Vorfreude auf meine baldige Freiheit (Abschiebung nach Deutschland – da ich einen deutschen Reisepass habe), im Gefängnisbus zurück zum nahen Internierungslager.
Zurück im Lager heißt es für mich jetzt hoffen, dass meine Abschiebepapiere (wie vom Richter versprochen) spätestens am nächsten Tag bei der Migrationsbehörde sind.
Der junge, schüchterne Pakistani Alyoush (hier auf dem Bett mit unserem chinesischen Lagerkollegen), der mir mein ehemaliges Bett überlassen hat und zunehmend mehr Vertrauen zu mir findet, bucht gerade einen Flug um in die Heimat abgeschoben zu werden.
Das lieblose, dürftige und einseitige Reis-Essen stößt vor allem den Mitbewohnern auf, die schon viele Monate hier sind und deshalb landet es nicht selten in der Mülltonne vor den Toiletten – ganz zur Freude der Hunde und Ratten oder am Gitter für die Streifenhörnchen.
Immer wieder gehe ich ins Büro des neuen Lager-Officers und bitte ihn doch nochmals wegen meinen Abschiebepapieren nachzufragen. Als dann der Rechtsanwalt kommt und sein „Honorar“ möchte, sage ich ihm, dass sein Auftrag für mich natürlich nicht abgeschlossen ist, solange meine Papiere nicht kommen und frage ihn auch warum der Herzstein und die Wildrose, die ich ihm am 28.11. in der Gerichtszelle für Xiao gegeben hatte, nicht bei ihr angekommen sind. Da wird er wütend und schreit beim Weggehen ausfällig beschimpfend, dass ich das blöde Geld behalten solle.
Tags darauf wirft mich der neue, herzliche Lagerofficer wütend aus dem Büro, weil ich nicht locker lasse wegen meinen Papieren. Später lässt er mich wieder rein und gesteht mir verzweifelt, dass er auch nicht wisse was los sei denn es wäre alles sehr sonderbar in meinem Fall. Da umarme ich ihn herzlich und sage ihm es täte mir leid, dass er wegen der Korruption seiner Chefs so leiden müsse. Kurz darauf bittet er mich schnell hinaus, da sein oberster Chef käme! Diesen fange ich später vorm Büro ab um ihn zu fragen ob er wisse, dass man da oben Informationen über mich an unberechtigte Menschen (Aroshas Name erwähne ich nicht) weitergeben würde? Das interessiere ihn nicht, meint er herablassend. „Mich aber sehr und die EU eure Arbeitsweise bestimmt auch, wenn ich nicht bald hier raus komme!“ reagiere ich – und als ich ihn nach seinem Namen frage, rastet er total aus! Mehrfach Schreiend, dass man seinen Namen nicht bekommen könne, verlässt er schnell das Lager. Es tut mir weh, diesen Menschen in ihrer Not aus dummdreister Korruption und Geldgier auch noch drohen zu müssen – aber es scheint das Einzige zu sein was hilft, denn…
…am nächsten Tag sind dann wieder erwarten plötzlich meine Papiere komplett und fertig, so dass ich meinen Flug buchen kann – für den 24.01. um 2 Uhr morgens von Colombo via Amsterdam nach Stuttgart.
Am übernächsten Tag erlaubt mir der herzliche Lagerofficer sogar alleine das Lager zu verlassen um mich noch ein wenig auf dem Polizeigelände ums Lager umzusehen. So sehe ich zufällig (und verstehe nun), dass die Officers sich Fleisch aus dem Feuertopf in der schäbigen Küche holen, bevor die Reisportionen mit nur noch ein wenig Soße fürs Lager in Zeitung gewickelt wird.

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